Wenn die Wolken sich verziehen – Über die „Sterblichkeit“ von Cloud-Services

5. April 2016 | Ca. 8 Minuten Lesedauer

Gestern scrollte die Nachricht an mir vorbei, dass „Revolv“, einer der Pioniere auf dem Bereich der „Smart Homes“, also der „Gebäudeautomatisierung für Endkunden“ seinen Service einstellt. Revolv war 2014 von „Nest“ gekauft worden, die wiederum zuvor von Google/Alphabet gekauft worden sind. Soweit so gut, nur passiert mit der Einstellung des Dienstes etwas, das relativ neu […]

Gestern scrollte die Nachricht an mir vorbei, dass „Revolv“, einer der Pioniere auf dem Bereich der „Smart Homes“, also der „Gebäudeautomatisierung für Endkunden“ seinen Service einstellt. Revolv war 2014 von „Nest“ gekauft worden, die wiederum zuvor von Google/Alphabet gekauft worden sind. Soweit so gut, nur passiert mit der Einstellung des Dienstes etwas, das relativ neu ist: Die Geräte funktionieren von einem auf den anderen Tag nicht mehr. Und ich glaube das wird unsere Zukunft prägen.

Wer oder was ist Revolv?

Revolv hatte seinerzeit ein Produkt vorgestellt, das als Schnittstelle zwischen verschiedenen ferngesteuerten Geräten (WLAN-Beleuchtung, Funkthermostate, Garagentoröffner uvm.) und dem Smartphone des Nutzers funktionierte. Damit konnte man programmieren, dass das Garagentor automatisch öffnet, sobald sich das GPS-Signal des Smartphones auf 100 Meter ans Haus nähert und sowas. Eigentlich ganz cooles Zeug, irgendwie auch relativ früh auf dem Markt, aber letztlich doch nicht sonderlich verbreitet.

Vermutlich war das einfach noch zu experimentell, es gab zu viele Vorbehalte gegenüber solcher Technik, all die Problem die neue Technologie so hat. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Nutzer, die in diese Technik investiert haben und die das aktiv im Einsatz haben. Die Empfänger kosteten so um die 300 Dollar. Im Vergleich zu großen Hausautomatisierungslösungen also nicht viel, aber dann doch auch irgendwie nicht so richtig wenig Geld. (Hier gibt es mehr Infos zum Revolv Produkt)

Kauf durch Nest

Revolv war also mit seinem Produkt mehr oder minder erfolgreich am Markt und besetzte eine interessante Position, nämlich die Verknüpfung verschiedener Geräte von verschiedenen Herstellern unter einem Dach. Sowas lockt in der Technologiebranche bekanntermaßen die größeren Fische an und so kaufte „Nest“ dann Revolv. Dabei ging es wohl weniger darum, dass konkrete Produkt in sein Portfolio aufzunehmen, sondern sich die Rechte, Netzwerke und Köpfe hinter dem Produkt zu sichern.

Nest wiederum war damals mit einem „intelligenten“ Thermostat in den Markt gestartet und damit sozusagen „hierarchisch“ unterhalb von Revolv angesiedelt. Nachdem Google allerdings Nest gekauft hatte, gab es ausreichend Geldmittel um sich den Weg nach oben frei zu kaufen.

So weit so gut, Google kauft Nest, Nest kauf Revolv und damit vereint sich unter dem Dach von Google einiges an Kompetenz zum Thema „Smart Home“.

Geplante, digitale Obszoleszenz

Google ist nun aber auch bekannt dafür, dass wenig erfolgreiche Produkte oder Projekte relativ kurzfristig eingestellt werden. Genau das passiert nun auch bei Revolv. Wie auf der Webseite von Revolv ganz schlicht zu lesen ist, wird der Service Mitte Mai abgeschaltet. „Service“ bedeutet aber in diesem Fall nicht, dass im Kundencenter keiner mehr ans Telefon geht, sondern das die gesamte Cloud-Infrastruktur die hinter dem eigentlichen physischen Produkt steht abgeschaltet wird:

As of May 15, 2016, Revolv service will no longer be available. The Revolv app won’t open and the hub won’t work.

Das bedeutet, dass am 15. Mai alle im Umlauf befindlichen Revolv-Geräte von einer Sekunde auf die andere ihren Dienst einstellen. Ausnahmslos.

Und ich glaube das ist ein Novum, das wir so noch nicht erlebt haben. Klar, hier und da wurden immer mal wieder Webservices abgestellt und Projekte beendet, aber das hatte in aller Regel wenig Auswirkung auf die „reale Welt“. Aus der realen Welt ist uns im Grunde nicht bekannt, dass irgendwas einfach nicht mehr funktioniert, weil der Anbieter einer Technologie einfach aufhört.

Üblicherweise weiß man sowas Jahre im Voraus, kann damit planen, neue Technik anschaffen bzw. (defekte) Altgeräte gegen neue austauschen, all sowas. Das gibt es hier nicht. In knapp vier Wochen gibt es einfach eine unbezifferte Anzahl an vollkommen funktionsfähigen Produkten, die auf ewig totgeschaltet werden.

Revolv verweist darauf, dass die Garantie für alle verkauften Produkte abgelaufen sei und bei der Abschaltung alle Daten gelöscht würden. Fertig, das war es.

Fazit: Betrifft mich das?

Wenngleich die Anzahl der im Umlauf befindlichen Revolv-Geräte relativ gering ist, so sollte uns diese Abschaltung zum Nachdenken anregen. Wir leben in einer Welt in der es Unternehmen gibt, die keine eigenen Produkte haben sondern nur darauf basieren, dass sie verschiedene Services oder Angebote vereinen und an Dritte bereitstellen. Das ist grundsätzlich eine gute Sache und auch sehr spannend, aber wie wir sehen können solche Services relativ unberechenbar sein.

Man stelle sich vor, Spotify würde morgen von Apple gekauft und binnen vier Wochen zugunsten von Apple Music eingestellt. Oder Facebook kauft Instagram und schließt das, weil es die Bilder lieber bei sich hätte. Sowas ist nicht ausgeschlossen und damit können binnen kürzester Zeit solide erscheinende Pfeiler unseres persönlichen, aber auch geschäftlichen, Lebens einfach so wegbrechen. Klar, das sind jetzt Extremfälle, aber es gibt ja auch viele kleinere Lösungen die gerne genutzt werden, ich habe im beruflichen Umfeld auch einige im Einsatz, die größere Mitbewerber haben.

Für die Zukunft müssen wir also noch flexibler sein, noch besser hinschauen an welche (digitalen) Services wir uns binden und ob wir davon im Zweifel irgendwie heile wieder loskommen. Sonst laufen wir Gefahr uns irgendwann nur noch damit zu beschäftigen, wie wir von Service A auf Service B auf Service C migrieren, weil es da Marktbereinigungen gibt.

Wie ist eure Meinung dazu? Hinterlasst mir doch gerne einen Kommentar oder schreibt mir eine E-Mail.