Das Märchen von den Besucherzahlen fremder Webseiten

Unbestritten besteht ein Interesse, zu erfahren, wie sich Mitbewerber, Branchengrößen oder auch bekannte Unternehmen so im Internet schlagen. Da ist es verlockend, wenn Firmen versprechen, sie könnten die Antwort auf diese Frage liefern. Nicht näher definierte Beobachtungen, Algorithmen und Metriken sollen dann einen mehr oder weniger genauen Wert für Seitenaufrufe und Besucherzahlen liefern. Aber ist das überhaupt möglich?

In aller Kürze: Nein. Das Internet funktioniert schlicht und ergreifend nicht so, dass man solche Zahlen einfach erfassen kann.

Wer selbst Webseiten betreibt und für die Messung von Besucherzahlen auf Tools wie Google Analytics oder ähnliches zurückgreift, wird bestätigen können, dass auch das oft keine genauen Zahlen liefert. Und da hat man ja Zugriff auf seinen eigenen Server, seine eigene Seite, seine eigenen Besucher. Wenn es da schon schwierig ist, genaue Zahlen zu erfassen, wie sollen das dann andere bei Dritten machen?

Nun halten sich die Unternehmen, die solche Dienste anbieten, relativ bedeckt was ihre Vorgehensweise angeht. Werfen wir trotzdem mal einen Blick auf ein paar Kennzahlen die verwendet werden, und warum die eher kein guter Anhaltspunkt sind.

Backlinks sind ein uralter SEO-“Trick”. In den Zeiten in denen Google Webseiten noch basierend drauf rankte, wieviele Seiten auf eine andere Seite verwiesen, waren Backlinks eine gute Währung. Backlinks von gut bewerteten Seiten (Google hatte dafür damals den “PageRank” - kommen wir gleich drauf) waren natürlich wertvoller und wurden entsprechend (teuer) gehandelt. Nicht zuletzt durch Backlink-Spam in Kommentarfunktionen, verlor diese Metrik an Bedeutung.

Backlinks sind, passend eingesetzt, auch heute noch ein gutes SEO-Mittel, um relevante Besucherströme (Fachblog verlinkt auf branchenspezifischen Herstellershop) auf seine Seite zu lenken. Aber schlicht aus der Zahl an Backlinks auf potentielle Besucher(ströme) schließen? Unseriös bis unbrauchbar.

PageRank

Der PageRank in seiner ursprünglichen Form war die erste algorithmische Grundlage für Googles Suchmaschine und wird synonym für den konkret auf Basis dieses Algorithmus ermittelten Wertes einer Webseite genutzt. Er basiert, wie die Patentschrift dazu verrät, auf der Bewertung von Backlinks aber auch auf der Wahrscheinlichkeit, das ein Nutzer eine Seite zufällig entdeckt:

The rank assigned to a document is calculated from the ranks of documents citing it. In addition, the rank of a document is calculated from a constant representing the probability that a browser through the database will randomly jump to the document.

Wie bereits erwähnt, ist die Einbeziehung von Backlinks als Bewertungskriterium für die Popularität einer Webseite eine manipulationsanfällige Größe. Deshalb nutzt Google den PageRank in dieser Form auch nicht mehr.

Auch eine Aussage wie “flomei.de hat einen PageRank von 4” gibt es von offizieller Stelle nicht mehr. Einige wenig vertrauenserweckende Seiten versprechen zwar, den aktuellen PageRank ermitteln zu können, aber darauf würde ich nicht vertrauen.

Aufgrund dessen, dass der PageRank von Google nicht mehr verwendet wird, eignet er sich denkbar schlecht für eine Aussage bezüglich der Popularität und eventuell damit verbundener Besucherströme.

Alexa Rank

Eine ähnliche Größe wie der PageRank ist der Alexa Rank. Hier basierte die Berechnung lange Zeit auf den Daten, die durch eine installierte Browser-Toolbar erfasst wurden. Wer die Toolbar installiert hatte und eine Seite aufrief, half mit den Datenbestand zu pflegen. Das die Nutzerbasis einer solchen Toolbar nur bedingt repräsentativ ist, dürfte einleuchten.

Wie ein Google-Forscher (gut, das ist jetzt vielleicht auch mit Vorsicht zu genießen wenn es um ein Konkurrenzprodukt geht) bereits 2007 herausfand, schätzte Alexa die Bedeutung bzw. Besucherzahlen von Webseiten teilweise um den Faktor 50 zu hoch ein.

Das Verfahren zur Erfassung ist mittlerweile umgestellt und “verbessert” worden, aber wie genau es funktionieren und repräsentative Ergebnisse erbringen soll, ist jetzt noch unklarer als vorher schon.

Auch hier zeigt sich: Der Alexa Rank ist im besten Fall ein Schätzwert für die Popularität einer Webseite aber sicher keine Größe die man in konkrete Besucherzahlen umsetzen kann.

“Algorithmen”

Unter diesem Sammelbegriff verstecken die Firmen alles, was noch fadenscheiniger ist, als die bisher bereits angesprochenen Methoden. “Algorithmus”, das klingt nach Mathematik und Wissenschaft, also muss es richtig sein. Die Praxis dürfte da einfacher und deutlich ungenauer aussehen.

Hochrechnungen und Kalkulationen basierend auf den zuvor erwähnten Werten, gemischt mit einer Prise Geschäftsbericht von vor vier Jahren und fertig ist eine schöne Besucherzahl und eine Zahl für Seitenaufrufe. Tut keinem weh und die Neugierde ist erstmal befriedigt, aber belastbar ist dieser Wert nicht.

Fazit

Dienste die versprechen, sie könnten Besucherzahlen für fremde Webseiten liefern sind höchst dubios: Sie haben keine verlässliche Datenbasis, weil sie kaputte Metriken zur Erfassung ihrer Daten einbeziehen und das durch einen “Algorithmus”-Fleischwolf drehen, der hinten einen Zahlenwert rausfallen lässt, der nur durch Zufall nah an der Wirklichkeit liegen kann.

Vielleicht einfach mal die eigene Webseite durch solch einen Dienst schätzen lassen und dann vergleichen, wie nah oder fern die Ergebnisse an dem liegen, was man selbst misst, aber keinesfalls blind auf solche Zahlen verlassen und basierend darauf Geschäftsentscheidungen treffen.

Coverbild: Carlos Muza on Unsplash