WordPress integriert Gutenberg-Editor – Zeit zu wechseln?

6. September 2018 | Ca. 13 Minuten Lesedauer

Seit 12 Jahren setze ich jetzt auf WordPress für die Webprojekte, die ich so umsetze. Jetzt steht der neue Gutenberg-Editor in den Startlöchern und ich werde mich wohl von WordPress abwenden. Die Gründe: Ich glaube Gutenberg ist der falsche Weg und ich will was Neues lernen.

Als ich noch jung war…

… habe ich angefangen zu bloggen. „So richtig“, wenn man so will. Damals, wir schrieben das Jahr 2006, begann mit meiner Ausbildung ein neuer Lebensabschnitt und ich habe gedacht den müsste man begleiten und kommentieren. Nachdem ich allerlei Kleinkram schon selbst geschrieben hatte, habe ich damals auf WordPress zurückgegriffen, weil ich eine fertige Software und kein „Gefrickel“ wollte.

Über 10 Jahre gingen ins Land, ich habe Geld verdient mit WordPress, habe Plugins und Themes dafür geschrieben und angepasst, habe eine Webseite von Joomla vollständig und automatisiert nach WordPress migriert (das war gruselig, kann ich sagen) und bin gerade noch dabei zwei kleine Services/Plugins für das Drumherum auf die Beine zu stellen. Weil ich das immer schonmal machen wollte und da vielleicht zwei Nischen gefunden habe, die besetzt gehören. Oder zumindest sind es zwei Dinge, bei denen ich viel lernen kann.

Das Schöne an WordPress war in all dieser Zeit immer, wie einfach das zu bedienen war. Leute die noch nie eine Blogsoftware bedient haben, fühlten sich nach 15 Minuten wohl, der Editor war einfach und schnell erklärt, Bilder sind fix eingefügt und man hat immer das Gefühl gehabt, das sich alles irgendwie von alleine macht.

Schattenseiten

Mit der Erfahrung kamen aber, wie so oft, auch Einblicke in die Dinge, die nicht so gut laufen. Die Mediengalerie finde ich bis heute irgendwie nicht schön, warum alles mit absoluten URLs in der Datenbank gespeichert wird kann keiner erklären, die offiziellen Plugin- und Theme-Verzeichnisse sind wirklich furchtbare Orte und auch unter der Haube sind einige Dinge eher fragwürdig.

Das ist zum Teil darin begründet, dass WordPress ja ein „Produkt“ von Automattic ist oder unter deren Federführung entwickelt wird und sie mit wordpress.com zugleich das größte Hostingangebot für WordPress-Instanzen anbieten und auch versuchen ihre eigenen Services im „normalen“ WordPress unterzubringen. Zu nennen wäre hier beispielsweise der Anti-Spam-Dienst „Akismet“.

Der ist von Automattic entwickelt und betrieben und jede WordPress-Installation kommt von Haus aus mit Akismet an Bord. Nun überträgt und speichert Akismet aber alle Kommentare in die USA und begeht damit gravierende Datenschutzverstöße, sofern die Benutzer nicht im Vorfeld darauf hingewiesen werden. Lange Zeit war Akismet standardmäßig aktiviert, mittlerweile hat man die Brisanz dieses Themas wohl erkannt und liefert es zwar mit, aber lässt es nach der Installation zunächst deaktiviert.

Akismet ist allerdings auch für alle Seiten die nicht streng privat sind kostenpflichtig. Wer also Akismet auf seiner Firmenwebseite aktivieren will, muss dafür eine Lizenz erwerben. Und da stellt sich schon die Frage, warum ausgerechnet Akismet als einziges Plugin für einen bezahlten Dienst standardmäßig mit an Bord ist. So richtig stellt sich die Frage dann am Ende natürlich auch nicht, eben weil Akismet von Automattic kommt und damit eine Art Freifahrtschein hat und Diskussionen zu dieser Sonderstellung gerne im Keim erstickt werden.

Als weiteres Beispiel kann man die Einführung von Emojis nennen. Im Frühjahr 2015 wurde mit WordPress 4.2 eingeführt, dass Emojis standardmäßig aktiviert sind. Dieses Verhalten führt dazu, dass im head-Bereich der Seite JavaScript und CSS standardmäßig geladen werden. Angesichts dessen, dass WordPress noch nie so richtig schnell war, und viele es eben für geschäftliche Webseiten einsetzen und man da eher selten Emojis benötigt, ein unverständlicher Schritt. Es gibt bis heute im Backend keine Option die Emojis zu deaktivieren. Wer die und ihren überflüssigen Code loswerden will, muss wahlweise ein Plugin installieren oder einen Codeschnipsel in der functions.php seines Themes hinterlegen. Eine Checkbox in den Einstellungen wäre nicht zu viel verlangt, sollte man meinen und hätte alle gleichermaßen zufrieden gestellt.

Pagebuilder im Allgemeinen…

In den letzten Jahren haben dann so genannte „Pagebuilder“ an Popularität gewonnen. Spontan fällt mir ein halbes Dutzend bekannter Pagebuilder alleine für WordPress ein. Mit diesen Plugins, manche sind gekoppelt an spezielle Themes, wird der Beitragseditor verändert oder „überschrieben“, so dass man im besten WYSIWYG-Stil auch komplexe Seitenelemente bearbeiten und ganze Layouts erzeugen, man könnte auch etwas verächtlich „zusammenklicken“ sagen, kann ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben oder zu wissen wie HTML, CSS und Co. im Hintergrund funktionieren.

Die „Erfindung“ dieser Pagebuilder oder deren Integration in WordPress hat der Popularität des Systems nochmal einen ordentlichen Schub verpasst. Rund 25% aller Seiten im Internet, oder sogar mehr, laufen heutzutage mit WordPress. Und da die wenigsten Pagebuilder vollkommen kostenfrei sind, einige bieten zum Beispiel kostenpflichtige Layout-Vorlagen an, ist da natürlich auch ein gewisses finanzielles Interesse vorhanden, auf diesem Markt mitzuspielen.

… und Gutenberg im Besonderen

Und so hat Automattic sich überlegt, dass WordPress einen eigenen Pagebuilder haben solle. Mutmaßlich stellt das die Weichen für ein weiteres Geschäftsfeld von Automattic, ich kann mir da gut den Verkauf von Vorlagen für Gutenberg als neues Geschäft vorstellen. Und das wäre ja okay, wenn Gutenberg ein Plugin wäre, das man sich installieren kann und für die „Pro-Features“ bräuchte man dann ein Abo. Ähnlich wie bei Akismet auch.

Aber nein, mit WordPress 5.0, dessen Release-Datum noch nicht feststeht – aktuell sind wir allerdings bei 4.9.8, viel Raum ist also nicht mehr, wird Gutenberg fix in den WordPress-Kern integriert und ist dann unlöslicher Bestandteil und Standardeditor der Software. Der „klassische Editor“ muss als Plugin nachinstalliert werden. Und auch wenn Kompatibilität und langjährige Unterstützung des klassischen Editors versprochen werden, kann man sich dessen nicht wirklich sicher sein.

Die Erfahrung zeigt: Ein Update über Nacht und plötzlich hat man nicht-deaktivierbare Emojis, die übrigens auch nicht abwärtskompatibel zu den bisher eingesetzten waren, auf der Seite. Oder man hat in Zukunft seinen alten Beitragseditor verloren oder keine Kompatibilität mehr dafür.

Man kann die besten Absichten unterstellen und vielleicht ist es gut, dass es aus dem nahen WordPress-Umfeld einen eigenen Pagebuilder geben wird, aber muss man den allen Nutzern aufzwingen? Die Nutzer scheinen gespalten. Viele sind froh, dass sie nicht mehr auf externe Pagebuilder zurückgreifen müssen und halten das für einen längst überfälligen Schritt. Andere haben sich für WordPress entschieden, weil es eben auch immer etwas minimalistisch war und man einen Benutzer guten Gewissens auf den Beitragseditor loslassen konnte ohne ihn zu überfordern.

Diese Zerrissenheit zeigt sich momentan auch auf der Plugin-Seite des Gutenberg-Editors. Mehr als die Hälfte der Bewertungen ist eine 1 Stern-Bewertung, Titel wie „Worst editor ever“, „Bad move“, „Way too complicated“ oder auch „Don’t force change“ zeigen, dass Automattic sich vielleicht etwas Zeit lassen und den Editor am Ende besser gar nicht in den Core integrieren und den Nutzern die Wahl lassen sollte.

Moderatoren sind indes fleißig damit beschäftigt die 1 Stern-Bewertungen madig zu machen („no real feedback“) anstatt sie als Ausdruck der Unzufriedenheit anzusehen. Oft liest man aber auch, dass auch auf valides Feedback nicht wirklich eingegangen würde und es so wirke, als wolle man Gutenberg halt mit aller Gewalt und gegen etwaige Widerstände durchdrücken.

Ausblick und Optionen

Ohne zu sehr im Detail darauf einzugehen denke ich, dass es im WordPress Core genügend Arbeit gäbe, auf die man die Kräfte konzentrieren könne. Sei es was Themen wie Sicherheit und Geschwindigkeit von WordPress angeht, aber auch das bereits erwähnte Plugin- und Theme-Verzeichnis benötigen Pflege oder einen Neuanfang. Stattdessen will man lieber neue Features durchdrücken, nach denen eigentlich keiner gefragt hat. Der Markt für Pagebuilder ist schließlich lange gesättigt.

Und was für Automattic aus geschäftlicher Sicht vielleicht noch eine gute Idee sein mag, kann für die Benutzer auf allen Ebenen eben doch nach hinten losgehen. Komplexität und Buganfälligkeit eines Pagebuilders sind eben doch eine andere Hausnummer als ein kleiner WYSIWYG-Texteditor mit einem Dutzend Buttons.

Um der konkreten „Gefahr“ durch Gutenberg zu entgehen, bietet sich dann jetzt als erster Vertreter mal „ClassicPress“ an. Das Projekt, noch in Gründung befindlich, will zunächst einen Fork (eine Quelltextkopie) der letzten Version ohne Gutenberg-Editor im Kern machen und darauf aufbauend, und möglichst nah am „Original“ eine Gutenberg-freie Version von WordPress sein. Für die Zukunft plant man aber schon, sich von WordPress weg zu entwickeln und eigene Features und Ziele zu verfolgen.

Wenngleich ClassicPress also für den Moment ein praktischer Ersatz ist, weiß man auch da nicht wirklich, wie es um die Zukunft dieses Projekts steht und wohin sich das entwickelt. Ob das auf lange Sicht Erfolg hat, und man jetzt alles dahin umziehen solle, ist also ungewiss.

Ich glaube ich werde mich persönlich auf lange Sicht vom WordPress-Ökosystem abwenden. Zum einen verlagert sich meine Arbeit immer mehr weg vom Grafischen, ich kann mittlerweile Markdown und auch die, noch verbesserungsbedürftigen, Build-Prozesse irgendwelcher statischen Seitengeneratoren schrecken mich nicht mehr ab. Warum also nicht etwas Neues lernen und über den Tellerrand schauen?

Aber auch WordPress wird sicher für Viele das Mittel der Wahl bleiben. Es entwickelt sich eben weg vom Blog-System und mehr hin zu einem CMS mit integriertem Pagebuilder. Wer das sucht, der wird auch künftig dort gut aufgehoben sein. Wer einfach nur bloggen will, der sollte sich vielleicht umschauen.

Photo by Kaitlyn Baker on Unsplash