Wer bin ich… im Internet? Über die Trennung von Beruflichem und Privaten

10. Juni 2018 | Ca. 7 Minuten Lesedauer

Bereits im vergangenen Jahr sprach ich, durch Zufall und unabhängig voneinander, mit einigen Leuten, die überlegten, ob sie nicht einen Blog starten und aus ihrem Leben oder Alltag erzählen sollten. Es gäbe sicher das ein oder andere, aber sie alle hatten im Kern Angst vor einer Sache: Das man das "professionelle Ich" und das "private Ich" vermischen würde.

Ich hab seitdem einige Male noch darüber nachgedacht und auch versucht, mich selbst dahingehend zu beobachten und kann diesen Effekt bestätigen. Oft wollte ich schon was schreiben weil mein Tag einfach… äh… „nicht so gut“ war, weil man sich über etwas ärgerte oder meinte auf etwas hinweisen zu müssen, was einen persönlich beschäftigt.

Allzuoft lässt man das aber lieber sein, weil man Angst hat, dass das Umfeld nicht zwischen dem professionellen Ich und dem privaten Ich unterscheiden kann. Das die professionelle Leistung infrage gestellt wird, weil der Privatmensch eine Meinung oder Ansicht hat und die vertritt.

Das ist natürlich im Kern etwas irrational. Jeder von uns hat Meinungen, Ideen, Ansichten oder auch Wünsche an die Welt und sein Umfeld. Und eigentlich war das Schöne am Internet einmal, dass man das mit jedem teilen konnte und früher haben das auch mehr Leute getan. Heute aber ist alles so vernetzt, dass wir Angst davor haben müssen, dass ein zukünftiger Arbeitgeber in unseren Vergangenheiten stöbert und diese „gegen uns“ nutzt.


Ein Schlüsselerlebnis war, dass sich ehemalige Mitschüler bei mir meldeten und darum baten, dass ich doch ihr Foto und „Profil“ von unserer ehemaligen Abi-Webseite entfernen solle. Sie wären bei Bewerbungsgesprächen und anderen Gelegenheiten von Personalern und Co. auf Informationen und Bilder aus diesen Profilen angesprochen worden.

Man muss dazu sagen, dass unser Abi-Motto, in Anlehnung an die damals bekannten und aktuellen „Mission: Impossible“-Filme, „ABI: IMPOSSIBLE“ war und sich dementsprechend alles rund um das Thema Geheimagenten drehte und das was man damit so verbindet: Schlapphüte, Sonnenbrillen, Pistolen, Alkohol, Geld… Entsprechend dieses Themas waren auch die Profilbilder gehalten und in dem Themenkomplex war das eine schlüssige und lustige Sache.

Aber dann wurden Leute bei Bewerbungsgesprächen mit eben diesen Bildern, und auch damaligen Wünschen, Zielen, Plänen, Ideen etc. vom Leben konfrontiert. Und einige haben das so empfunden, dass sie damit „unter Druck gesetzt“ und ihre Qualifikation infrage gestellt werden sollte. Ob das alles (also die Bilder) schon grob fünf Jahre her war oder nicht war egal, es stand „Schwarz auf Weiß im Internet“. Infolgedessen deaktivierte ich diese Profile und ein kleines Zeitzeugnis und eine Erinnerung an früher „starb“.

Das mag nicht jeder als schlimm empfinden und ich glaube auch, dass es größere Verluste gibt als die Schülerprofile auf dieser Abi-Webseite, aber das war das erste Mal eine bewusste Schere im Kopf. Vermutlich war das für viele das erste Mal auch die bewusste Erkenntnis, dass Sachen die sie ins Internet geschrieben haben, gesucht, mit ihnen verknüpft und gegen sie verwendet werden können.


Und es scheint mir so, als ginge der Trend dazu immer weniger von sich preiszugeben. Niemand will mehr anecken und eine Meinung öffentlich vertreten. Weil Personalabteilungen auch in sozialen Netzwerken unterwegs sind, weil irgendwer über ein Partyfoto von vor zig Jahren stolpern und etwas Schlechtes über einen denken könnte.

Wir misstrauen aus verschiedensten Gründen, und einige sind total berechtigt, unserer Umgebung und den sozialen Netzwerken. Wir gehen anscheinend nicht mehr davon aus, dass es ein privates Ich und ein professionelles Ich gibt. Auf Facebook teilen wir manchmal die gleichen Sachen, die wir auch auf Xing oder LinkedIn teilen, weil wir bei Facebook ja kein schlechteres Licht abgeben wollen.

Bloß nicht anecken, ein paar lustige Videos kann man noch teilen, aber alles was darüber hinausgeht muss schon genauestens abgewogen werden. Das könnte ja irgendwie einen Einblick in das Privatleben und den eigenen Kopf zulassen.

Macht das was mit uns, verändert uns das? Vermutlich ja. Diese Angst, dass einen jede Aussage noch zehn Jahre (oder länger) verfolgen kann, weil man mehr oder minder gezielt danach suchen kann, verändert uns vermutlich unterbewusst.

Einen interessanten Ansatz verfolgt zum Beispiel die Entwicklerin Vicky Lai. Sie lässt automatisch alle alten Tweets von sich löschen, weil sie sagt, dass sie sich ständig verändert und weiterentwickelt und ein drei Jahre alter Tweet deshalb keine Aussagekraft mehr über sie hat.

Da hat sie Recht und mit dem zuvor verlinkten Script könnte das (theoretisch) jeder machen. Aber natürlich haben die modernen Datensammler auch etwas dagegen das man sowas macht und schränken solche Möglichkeiten ein. Daten sind deren Geschäft und umso mehr man davon sammelt und bevorratet, umso besser das Gesamtbild einer Person. Eben dieses Gesamtbild wollen Unternehmen wie Facebook und Co. aber an seine Werbepartner verkaufen.

Und mit dem letzten Umbau dieses Blogs habe ich etwas ähnliches auch hier durchgeführt. Knapp 300 Blogbeiträge, einige auch nicht wirklich hochwertig, das gebe ich zu, habe ich jetzt auf „private Sichtbarkeit“ eingestellt. Wer die aufrufen will, landet also nicht mehr darauf, ich kann sie nur noch über das Backend dieser Seite aufrufen.

Warum? Weil es thematisch nicht mehr dazu passt, wer ich bin. Auch ein Großteil der politischen Beiträge ist verschwunden. Warum? Weil ich mit der Piratenpartei nicht mehr in Verbindung gebracht werden möchte, auch wenn ich dort mal Mitglied war, und weil meine politischen Ansichten sich in den über 10 Jahren die dieser Blog jetzt läuft auch verändert und verfeinert haben.

Ich würde das jetzt nicht unbedingt dem klassischen Reputationsmanagement zuordnen. Es ist mehr ein Aufräumen und eine Fokussierung meiner Selbstdarstellung, eine Steuerung davon, als wer man selbst wahrgenommen werden will.

Sicherlich auch für den Fall, dass mal ein potentieller künftiger Arbeitgeber über mich stolpert, aber vielleicht auch, weil man sich einfach als Fachmann oder -frau etablieren und darstellen will. Und irgendwie ist das nicht so richtig glaubwürdig mit einem Waffelteigrezept neben irgendwelchen Programmierproblemen bzw. -lösungen.

Oder ist das Waffelrezept neben dem Code gerade die Lösung und das i-Tüpfelchen, um zu zeigen, dass da noch mehr ist als irgendeine Medienmachmaschine auf Koffein?

Es ist schwierig und ich glaube es wird in Zukunft nicht leichter. Mit jedem sozialen Netzwerk und jeder App hinterlassen wir mehr und mehr Spuren bei denen man sich nie ganz sicher sein kann, dass sie gelöscht oder zumindest nicht zusammengeführt werden und einem irgendwann vorgehalten werden können. Die Verunsicherung wird vermutlich noch größer werden und die Leute werden sich noch mehr überlegen, was sie von sich preisgeben können oder sollten.

Ich merke das aktuell bei mir und Instagram, einem für mich noch relativ neuen sozialen Netzwerk. Da bin ich mir auch noch nicht sicher, ob ich mein Profil komplett privat stellen soll oder nicht. Neben all dem Spam und den Bots findet man über Hashtags und Likes der eigenen Bilder dann doch auch spannende Leute und Inhalte.

Vielleicht geht es anderen mit mir genau so und dieser „Lockdown“ unseres privaten Ichs führt dazu, dass wir ein paar spannende Bekanntschaften verpassen. Vielleicht mache ich einfach mal wieder Waffeln mit diesem tollen Waffelteigrezept und denke noch etwas darüber nach. Oder poste die Bilder öffentlich auf Instagram. Einfach mal was trauen.

Photo by Nicholas Kwok on Unsplash